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Kevin Griffith und das Sinfonieorchester Wuppertal
Foto: Hartmut Sassenhausen

Eine Außenseiterin und zwei Klassiker

17. September 2026

Erstes städtisches Sinfoniekonzert in der Historischen Stadthalle – Musik 09/26

In dieser Spielzeit muss Wuppertal ohne einen Generalmusikdirektor auskommen, da die Wahl für einen Nachfolger von Patrick Hahn zu spät, erst Anfang des Jahres, auf Christian Reif gefallen ist. Erstartetsein Amtzurkommenden Saison.Bis dahinwerdenausschließlich GastdirigentendieKonzerte des Sinfonieorchesters Wuppertal leiten. Den Anfang macht mit demerstenstädtischen Sinfoniekonzert Kevin Griffith, Sohn des renommierten britischen Dirigenten Howard Griffiths. Der ehemalige Künstlerische Leiter und Chefdirigent des Collegium Basel hat bereits mit bekannten Klangkörpern wie dem Tonhalle-Orchester Zürich zusammengearbeitet und hat ein abwechslungsreiches Programm in die Historische Stadthalle mitgebracht.

Allein in der Männerwelt

Los geht es mit dem Werk einer Komponistin, die zu Lebzeiten eine große Ausnahme im 19. Jahrhundert war. Emilie Mayer (1812-1883) schaffte es, sich gegenüber den Herren der Schöpfung durchzusetzen und sogar von ihnen akzeptiert zu werden. Ihre Kompositionen wurden regelmäßig öffentlich aufgeführt, Chapeau, denn bis ins 20. Jahrhundert hinein war die Musik eine reine Männerdomäne. Nach ihrem Ableben geriet sie leider schnell in Vergessenheit, da sie als unverheiratete Frau ohne Nachfahren keine direkten Fürsprecher oder Erben hatte, die sich um die Pflege und den Druck ihres umfangreichen musikalischen Nachlasses kümmerten. Erst in diesem Jahrhundert wird sie wiederentdeckt.

Glänzend orchestriert

Mit der Faust-Ouvertüre op. 46 in h-Moll wird eines der berühmtesten Orchesterwerke der deutschen romantischen Komponistin aufgeführt, ein glänzend orchestriertes Stück mitseiner klassischen Formstrenge und hochromantischen Klangsprache. Das städtische Orchester sorgt unter dem verlässlichen Dirigat von Griffiths dafür, dass der vertonte Gang vom grüblerischen Faust über das zweimal zitierte Thema des evangelischen Chorals„Freu dich sehr, o meine Seele“ als Symbol für Gretchenstragischen Weg und ihre ausweglose Situation bis hin zu ihrer spirituellen Erlösung am Ende mit einem hoffnungsvollen Ausblick leicht nachvollzogen werden kann.

Bereits 40 Jahre nach Mayers Tod legten sich drei bedeutende ungarische Komponisten für ein Festkonzert am 19. November 1923 mächtig ins Zeug. Anlass war das Jubiläum zur Vereinigung der Schwesterstädte Buda und Pest zur Einheitsgemeinde Budapest 50 Jahre zuvor. Dafür komponierte Ernst von Dohnányi seine Festouvertüre, die eine große historisch-politische Bedeutung für die Identität seines Heimatlands besitzt. Zoltán Kodály verfasste eines der bedeutendsten ungarischen Chorwerke: den „Psalmus Hungaricus“.

Wie aus einem Guss

Dritter im Bunde war Béla Bartók, der die Tanz-Suite in sechs Sätzen zu Papier brachte. Sie wurde ein weltweiter Erfolg. Dieses Opus mit demSzőllősy-Verzeichnis 77 hat es in sich. Denn hohe Präzision ist erforderlich, um die von ihm entworfenen Tänze im Volkston mit ihren ungarischen, rumänischen, slowakischen wie arabischen Stilelementen, Klangeffekten und ständig changierenden asymmentrischen Rhythmenund wechselnden Takten, lupenrein, differenziert und klanglich ausgewogen über die Bühne zu bringen. Das gelingt dank der exakten und verlässlichen Stabführung von Griffith tadellos. Dietreibenden ostinato-artigen Figuren und scharfen Akzente, diechromatisch geschärfte Tonsprache oder diefarb- und kontrastreich perkussiven Klavierklänge wie markanten Schlagwerkeinsätze lassen dank exakter Einsätze und einem nuancierten Orchesterklang dieses Werkwie aus einem Guss daherkommen und zu einem großartigen Hörerlebnis werden.

Brahms zum Abschluss

Schließlich geht es 42 Jahre zurück. Wie bei Bartók selbstredend, gibt es auch im 2. Klavierkonzert von Johannes Brahms ungarische Töne - in allen vier Sätzen und ganz offenbar im Finale. Auch dieses Opus 83 in B-Dur aus dem Jahr 1881 des Zeitgenossen von Mayer erklingt ausgewogen-kultiviert: mächtig im Kopfsatz, anschließend dramatisch-wuchtig, fein kammermusikalisch mit einem traumhaft schönen Cellosolo (Anne Yumino Weber) beim Andante und heiter-beschwingt bis hin zur rauschenden Coda im Finale. Abgesehen von ganz kleinen Ungenauigkeiten im Kopfsatz, in dessen Verlauf er mustergültig mit dem Orchester verschmilzt, interagiert dabei Pianist Fabian Müller ausgezeichnet mit den Sinfonikern. Dann wiederum treibt er ganz im Sinn des Komponisten den musikalischen Fluss voran und sorgt für Impulse. Dabei taucht er tief in den Notentext ein, bringt selbst komplexe Strukturen und den großen emotionalen Gehalt klar zum Ausdruck.

Das Publikum im längst nicht ausverkauften Großen Saal bedankt sich für den Abend mit lang anhaltenden stehenden Ovationen und fordert so vom Pianisten eine Zugabe. Müller lässt sich nicht zweimal bitten und spielt schön verträumt als Abendständchen von Brahms die Klavierfassung des Wiegenlieds „Guten Abend, gut‘ Nacht“ aus den fünf Liedern für eine Singstimme und Klavier op. 49.

Hartmut Sassenhausen

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