Tanzende Paare begleiten die Zuschauer auf der Bühne bei der Platzsuche. Videogenerierte Türen wackeln dort auf richtigen Durchgängen, die zusätzlich noch auf Rollen stehen und damit das Objekthafte des Bühnenbildes unterstreichen. Alle tanzen Tango in wechselnder Konstellation. Ein Künstlerhaushalt ohne Konventionen eben, ein Hort der Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen. Alle sind dermaßen emanzipiert, dass es der Hausherr Stomil (Martin Engler) nicht einmal mehr für nötig erachtet, sich die Hose zuzuknöpfen, dafür ist sein theoretischer Überbau fein ausgebildet, er scheut keinen Disput, wenn er nur künstlerisch kompatibel ist. Dass ihn sein Frau mit dem scheinbar einfältigen Hausfreund Edek (Gregor Henze) betrügt, ist eher nebensächlich, alles nur Experiment. Die alte Generation, Onkel Eugen (Marco Wohlwend) und seine Schwester Eugenia (Hans Richter) vertreiben sich die Zeit mit Kartenspielen. Die Groteske nimmt neue Formen an, als der junge Artur (David Schirmer) auftritt und gegen den Grundsatz, keinen solchen zu haben, aufbegehrt. Er will nicht mehr in dem Zustand leben, in dem sich nichts mehr bewegt, weil alles erlaubt ist, er will Arzt werden, ordentlich heiraten. Artur wird aggressiv. Altern in der Moderne ist für ihn keine Option. Und so reagiert er wie ein böser Junge: Der Onkel muss sich zur Strafe irgendwo hinhocken, Tante Eugenia kommt schon mal in den Sarg.
Regisseurin Iwona Jera choreografiert ihre Protagonisten in wilder Hatz über die Bühne. Dadurch geht einiges an Filigranem am Zuschauer vorbei. Den großartigen Schauspielern fehlt manchmal sichtbar Zeit, die Szene zu Ende zu spielen, da müssen sie auch schon für den nächsten Regieeinfall parat stehen. Zwischen Videoeinblendungen und Slapstick-Einlagen, aber auch in der Performance mit den verschiebbaren Türen kann sich Artur nicht gegen den Vater auflehnen, da ja immer noch „nichts verboten ist“. Dafür erntet er bei diesem ständig Verständnis fürs Aufbegehren, er habe ein Recht auf Revolte. Artur dreht sich wegen der elterlichen Weltanschauung unaufhörlich im Kreis. Selbst die quirlige Ala (Anne-Cathrin Studer) die er erst als Komplizin nutzt, dann als Verlobte zu verlieren droht, macht ihm das Leben als Zukunftsvision nicht leichter. Es ist schon nostalgisch, die versteckte Gesellschaftskritik des 1964 geschriebenen Stücks von Slawomir Mrozek nachzuvollziehen. Manches gleitet dabei ins Komische, manches wie der Stillstand im Leben durch eingefrorene politische Auseinandersetzung macht traurig. Ein furioses Schauspielerstück ist es allemal.
Am Ende sind Tante Eugenia und Artur tot, ihr endgültiges Verweilen im Sarg (ein blumenbestickter Schlafsack) sorgt für eine Veränderung der Herrschaftsverhältnisse. Edek schwingt sich überraschend zum Anführer der Familie auf, der nun die Regeln vorgibt. Alles geht seinen stillstehenden Gang, aber die Welt ist auf den Kopf gestellt. Das Gesetz des Waffenbesitzers hat gegen die Nonkonformisten gewonnen. Eindrucksvoll in Zeitlupe verabschiedet sich das Ensemble beim Applaus.
„Tango“ I Di 6.12., 20 Uhr I Theater Wuppertal I 0202 569 44 44
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