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Horst Wegener auf dem Ölberg
Foto: Jan Turek

„Wir brauchen Diversität“

24. Juli 2020

Rapper Horst Wegener über seine Musik, Rassismus und Corona – Interview 07/20

engels: Hallo Horst, wie würdest du deine Musik beschreiben?

Horst Wegener: Ich bin in erster Linie Musiker. Ich bin mit einem Klavier großgeworden und für mich gibt es nichts Schöneres als alleine am Klavier zu sitzen und zu rappen. Im Hip-Hop habe ich mit 16 meinen Rahmen gefunden, um mich zu entfalten. Zu meiner Musik gehört die Interaktion dazu, die ich durch die Instrumente bekomme, mit denen ich auf der Bühne stehe.

Man merkt deiner Musik an, dass sie auch von Jazz und Soul beeinflusst ist.

Ja, auf jeden Fall. Letztendlich ist das Hip-Hop. Hip-Hop resultiert aus der Not heraus, keine Instrumente und keine Mittel zu haben und aus bestehenden Sachen etwas Neues zu kreieren. Dass ich mir keine geilen Soul- oder Jazz-samples heraussuchen muss, rührt aus dem Privileg, dass ich so tolle Musiker in Wuppertal kenne, die mit mir so geile Sachen jammen können. Ich möchte mit meiner Musik auch Leute ansprechen, die bei Hip-Hop nicht gleich sagen „das ist meine Musik“, sondern es vielleicht sonst auch etwas eintönig finden. So sind die Instrumente, die ich dabei habe, der Türöffner, um auch Ü-50-Publikum beim Konzert zu haben, die dann auch etwas davon mitnehmen. Ich merke aber auch, dass ich bei jungen Leuten dann oft raus bin. Meine Musik ist nicht darauf ausgelegt, Schulhofthema zu werden. Aber das soll sie vielleicht auch nicht. Cool ist aber, dass meine Songs teilweise schon im Deutschunterricht analysiert werden. Das ist ein größerer Ansporn, als sich vorzustellen, Kids würden sich meine Musik reinziehen, in denen dann ein sexistisches Frauenbild aufrechterhalten wird. Ich war bei drei Schulbesuchen in Klassen, die das gemacht haben. Sowas lebt von engagierten Lehrerinnen und Lehrern.


Foto: Jan Turek

Was alles machst du noch neben deiner Musik?

Ich bin Filmproduzent. Wir produzieren überwiegend Musikvideos für überregional bekannte KünstlerInnen. Ich bin Songwriter bei Sony und habe eine Edition, die Wupperwerft heißt, wo auch der Wuppertaler Produzent Golow gesignt ist. In Zukunft werden auch weitere Songwriter und Produzenten bei uns unterschreiben. Ich bin Kurator bei der Oper Wuppertal für das „Sound of the City“-Festival 2021. Und dann meine Musik. Zwischen diesen vier Welten bewege ich mich hin und her und habe auch gerne mal einen 18-Stunden-Tag. Aber ich liebe, was ich tue und die Leute, mit denen ich es tue. Die Zeit, in der ich arbeite, fühlt sich also nicht wie arbeiten an.

Mit der mit Wupperwerft machen wir ein 360°-Angebot für KünstlerInnen oder auch für Unternehmen. Unser Ziel ist es, alles unter einem Dach zu haben. Jemand kommt zu mir und fragt „Horst, hast du Bock auf eine Session? Könntest du für diesen Künstler oder diese Künstlerin einen Song schreiben, und Golow produziert den vielleicht? Wir schreiben den Song, gleichzeitig produziert unsere Filmproduktionsfirma Content von der Studiosession, damit dieser Artist bei Instagram sagen kann „Hey, ich bin hier gerade im Studio“. Wenn der Song fertig ist, planen wir visuelle Konzepte, machen Artwork und Musikvideos – begleiten also die komplette visuelle Ebene des Songs. Und im Abschluss kümmern wir uns um das Marketing mit Google Ads, Instagram, Facebook usw.. Während ein herkömmliches Label mit einem Fotografen, einer Videoproduktionsfirma, einer Content-Management-Firma und einer Marketing-Firma reden muss, haben wir das alles in-house. Von der Song-Entstehung bis zum Release werden eigentlich nur wir gebraucht. Das einzige, was ich schwer finde, ist zu switchen – zwischen dem kreativen Sich-fallen-lassen und dem straighten Produzenten, der sagt „Ok, ich habe hier 15.000 Euro für ein Video und muss das Team checken, die Locations, den Drehplan usw.“. Das sind zwei verschiedene Ichs, die sich gegenüber stehen.

Für und mit wem habt ihr denn schon Videos gedreht?

Unter anderem für Samy Deluxe, Culcha Candela und Flo Mega. Wenn es gut läuft, produzieren wir vier Videos pro Monat.

Wie kommt es eigentlich, dass du Künstler wie Samy Deluxe oder Flo Mega kennst?

Samy hat an der Uni Wuppertal eine Vorlesung gehalten. Da konnte man ein Meet and Teach gewinnen. Mein Kindergartenfreund und Gitarrist Julius Krämer hat mich da angemeldet und gesagt „Wenn du nicht hingehst, boxe ich dich“. Ich hatte meinen Song „Deutschen Land“ schon als Demo fertig und habe Samy den am Klavier vorgespielt. Der hat mich dann ins Studio eingeladen. Flo Mega hatte ich davor schon kennengelernt, weil ich ihm eine Feature-Anfrage geschickt hatte. Über Samy habe ich dann noch Curse kennengelernt. Inzwischen habe ich einen Verlag, der zu unserer Filmproduktionsfirma Wupperwerft gehört. Der ist an Sony angeschlossen. Ich schreibe auch für viele andere Künstler Songs. So bekommt man dann einfach ein großes Netzwerk.

Welche Songs von dir selbst magst du besonders und würdest du Leuten ans Herz legen, die dich noch nicht kennen?

Da fallen mir drei ein: „Augenringe“ – weil es der erste Song war, wo ich nicht so ernst war und über das Leben als junger Mensch rappe. Ich mache auch ab und zu mal gerne eine Nacht durch. Dann „Gemalt“ – das ist ein Liebessong und „Mein Name ist Horst“, weil es mein Statement ist. Ich kann den Song zwar nicht mehr hören, aber um einen ersten Eindruck zu bekommen, ist der Song am besten.

In „Mein Name ist Horst“ befasst du dich mit deinen Erlebnissen auf einer Zugfahrt. Was sind die Hintergründe?

Ich war auf dem Weg nach Hamburg ins Studio zu Samy Deluxe. Da ist es mir zum wiederholten Mal passiert, dass ich als einziger im Abteil, nachdem ich mein Ticket gezeigt habe, noch nach dem Ausweis gefragt wurde. Es ist immer eine unangenehme Situation, wenn man merkt, dass alle einen anstarren. Manche denken dann vielleicht, dass ich gerade auffliege. Ich fragte dann, warum ich es jedes Mal in der Bahn mitmachen muss, dass nur ich kontrolliert werde. Darauf entgegnete der Schaffner: „Entschuldigung, Sie sehen mir halt einfach nicht aus wie ein Horst Wegener.“ Ich kann seine Perspektive verstehen. Ich habe versucht, ihm zu erklären, dass es in unserer Generation inzwischen viele Leute gibt, die bewusst von ihren Eltern deutsche Namen bekommen, um einfacher integriert zu werden. Wenn sie sich zum Beispiel auf eine Wohnung bewerben, kommt es besser, wenn da Horst Wegener steht, als wenn da José Irgendwas steht und dass wir in einer Generation angekommen sind, wo das nicht für Verwirrung sorgen soll. Das versuche ich immer wieder aufs Neue zu erklären. Den Song habe ich innerhalb von einem Tag einfach drauf los geschrieben – mit Trauer im Bauch. Mein Song „Deutschen Land“ wurde im letzten Jahr vom Präventionsrat gegen Radikalisierung vom Land Niedersachsen für eine Ausstellung namens „Was los Deutschland“ ausgewählt. Es wurde sich damit befasst, was für einen Nachteil ein Mensch hat, wenn er einen ausländischen Nachnamen hat, wenn er sich mit denselben Qualifikationen auf eine Stelle bewirbt. Es herrscht einfach ein Ungleichgewicht innerhalb unserer Gesellschaft.

Ich muss gestehen, dass ich beim ersten Hören deines Namens auch eher ein anderes Bild vor Augen hatte.

Das kann ich verstehen. Das, was man denkt, das kann man nicht kontrollieren. Aber das, was man ausspricht, schon. Das ist, wo Rassismus anfängt. Wenn jemand mich fragt, wo ich herkomme, und ich antworte „Wuppertal“, und derjenige dann meint „Ne, du weißt schon, was ich meine“, und ich dann sag „Ecuador“, damit unterstellt man mir, dass ich nicht hier hin gehöre. So ist es auch mit dem Namen. Wenn man mich fragt, ob ich wirklich Horst heiße, dann unterstellt man, dass ein dunkelhäutiger Mensch nicht Horst heißen kann. Ich verstehe, dass das die Leute in der Situation einfach nur verwundert, aber sie hinterfragen dabei nicht, was sie mir für ein Gefühl geben, da ich schon 23 Jahre mit diesem Namen lebe.

Man könnte sagen, dass du den Horizont der Leute erweiterst, wie ein Horst aussehen kann, aber auch, wie ein Deutscher aussehen kann.

Genau, das ist es, was ich mit dem Song machen wollte. Hier auf dem Ölberg lebe ich in meiner Blase: Hier ist keiner skeptisch, wenn ich jemanden anspreche. Aber wenn ich mich fortbewege und die Leute noch nicht merken, dass ich mich gut auf Deutsch verständigen kann, habe ich immer das Gefühl, dass es eine Grundskepsis gibt – egal, wo ich auftrete: bei Ämtern oder bei der Polizeikontrolle: Ich habe das Gefühl, dass ich erstmal beweisen muss, dass ich nicht so bin, wie es mein Aussehen verspricht.

Hast du eigentlich einen deutschen Pass und was bedeutet Deutschsein für dich?

Ja, einen deutschen und einen ecuadorianischen, weil ich in Ecuador geboren bin. Für mich ist Deutschsein ein Privileg, wofür ich persönlich nichts gemacht habe, genauso wenig, wie Leute, die weiß und deutsch sind. Irgendwelche Umstände haben dazu geführt, dass ich hier bin und hier der Ort ist, mit dem ich mich identifiziere. Damit bin ich deutsch. Ich schätze es, diese Nationalität zu haben, aber ich wünschte mir, es hätte keine Relevanz.


Foto: Jan Turek

Welche Erfahrungen hast du mit Rassismus gemacht?

Während meiner gesamten Schulzeit wurde ich als Neger oder Quotenschwarzer betitelt. Als Kind schluckt man das runter, macht es mit sich selber aus, weil man ja trotzdem zur Gruppe dazugehören will. Als Jugendlicher bin ich aber auch auf Konfrontation gegangen: Ich habe Dokumentationen über Nazis gemacht und bin auf Nazi-Demonstrationen gegangen. Da gab es dann Situationen, wo ich vor einem Mob stand und es dann hieß „Guck mal, da ist ein Affe mit ner Kamera“. Dann machten 100 Erwachsene Leute Affengeräusche. Ich habe auf jeden Fall schon offensichtliche Diskriminierung erfahren. Aber die, die mich viel mehr verletzt, ist die subtile, die die Leute nach außen geben, ohne es aktiv zu merken – nämlich die Leute, die von sich selber behaupten, keine Rassisten zu sein, aber dennoch rassistisch handeln.

Meinst du damit den strukturellen Rassismus?

Ich glaube, wir alle sind ein Produkt unserer Sozialisierung und unser ganzes Weltbild, wie wir handeln, wie wir Leute sehen, rührt daraus, wie wir beeinflusst werden: durch Medien, Filme, Journalismus, Werbung, Musik, Musikvideos usw.. Die alle sorgen dafür, dass wir nach und nach unser Weltbild aufbauen. Deswegen kann ich niemandem vorwerfen, dass jemand so denkt, wie er denkt. Ich merke selber, dass ich Denkmuster hab und erwische mich dabei, es mir leichter zu machen, indem ich voreingenommen bin, anstatt neutral auf eine Person zuzugehen. Ich spüre aber auch, dass das in vielen Menschen so drin ist, dass man es gar nicht direkt an der Oberfläche erkennen kann. Durch die aktuelle Debatte und Gespräche mit anderen Leuten, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, zeigt sich für mich, dass das Problem systematisch ist.

Angehörige von Minderheiten werden oft als Repräsentant dieser Gruppe angesehen. Findest du das belastend?

Ich habe nicht das Gefühl, frei zu sein. Ich habe immer das Gefühl, dass ich eine Last mit mir schleppe. Ich habe das Gefühl, dass ich es mir nicht erlauben kann, im Flugzeug eine Jogginghose zu tragen, obwohl es auf einem Langstreckenflug bequemer ist. Ich habe das Gefühl, dass ich es mir nicht erlauben kann, aus Versehen Müll runter fallen zu lassen, ohne dass es heißt „die Dunkelhäutigen…“. Ich möchte, dass man mich nicht aufgrund meiner Hautfarbe bewertet. Ich will Fehler machen können, die dann auf mich als Person zurückfallen und nicht auf meine Herkunft. In jeder Situation habe ich das Gefühl: Im Wartezimmer setzt sich die alte Oma nicht neben mich, sondern neben die weiße Frau. Ich weiß natürlich nicht, ob es eine aktive Entscheidung oder ein Zufall war. Aber es ist die Regel. Ich habe immer das Gefühl, dass, wenn sich eine Person entscheiden muss, sie sich nicht für mich entscheidet. Auch bei Polizeikontrollen unterstelle ich nie der Person, dass sie mir persönlich was Böses will. Ich habe aber das Gefühl in mir, dass es nicht willkürlich war sondern halt wirklich gezielt auf mich, weil ich so aussehe wie ich aussehe. Ich schließe darauf, weil ich schon Erfahrungen gemacht habe, wo ich es aktiv gespürt habe.


Foto: Jan Turek

Was hast du gedacht, als du vom Tod von George Floyd erfahren hast?

Wie andere POCs [People of Color] war ich tieftraurig. 4-5 Tage lag ich teilweise nachts wach und habe mit meiner Freundin darüber gesprochen – und über die ganze Thematik. Plötzlich wollte auch jeder, dass wir dazu Stellung beziehen, obwohl ich keinen Bezug zu Amerika hab. Ich gehöre zur keine-Ahnung-wievielten Generation, die in diesem Land lebt. Die Probleme sind aber dieselben und wir haben nie darüber gesprochen. Wir haben nie gelernt, das was wir erlebt haben, zu verarbeiten. Mein Bruder wurde zum Beispiel von einem Nazi heftig verprügelt, als er in meinem Alter war und auch häufig beleidigt. Aber das ist nichts, was man groß thematisiert oder zu Hause anspricht. Für uns ist es eine neue Situation, unseren Gefühlen Worte zu verleihen.

Was hältst du von den gegenwärtigen Debatten zu diesem Thema in Deutschland?

Aus meiner Perspektive habe ich das Gefühl, dass es eine sehr intellektuell geführte Debatte um Begrifflichkeiten ist, die der Großteil der Bevölkerung nicht imstande ist, mitzuführen. Dennoch sehe ich, dass es eine Chance ist. Wir brauchen Diversität in unterschiedlichen Branchen – ob es Geschlechter sind oder ob es Hautfarben sind. Im Journalismus habe ich mir zum Beispiel bei der WZ die Redaktion angeguckt: Da arbeiten zehn Leute. Davon sind acht Männer und zwei Frauen und alle Personen außer eine sind komplett deutsch. Wenn am Tisch der Leute, die die Berichterstattung machen, keine Leute sitzen, von denen berichtet wird, dann wird oft eine andere Perspektive eingenommen. Manchmal geht es nur um Begrifflichkeiten. Ich hoffe einfach, dass das Alles ein bisschen aufgemischt wird. Das schaffen wir nicht von selber. Von den Leuten, die jetzt diese Positionen besetzen, müssen Türen aufgemacht werden. Ich merke, dass Jugendliche gar keine Identifikationsfiguren haben. Wie soll ein türkischstämmiger Mensch hier Polizist werden, wenn in allen Filmen die Türken immer diejenigen sind, die was mit Drogen oder Straßenkriminalität zu tun haben? Damit fängt es an.

Hast du auch schon negative Erfahrungen mit der Polizei gemacht?

Ich habe schon viele negative Erfahrungen gemacht, aber ich möchte die Lanze für die einzelnen Polizisten hochhalten und auch da nicht pauschalisieren, weil ich der Meinung bin, dass Hass nur Hass fördert. Ich hatte schon sehr oft Autokontrollen: Ich kiffe nicht. Ich werde gefragt, ob ich kiffe. Ich sage nein. Und ich muss aussteigen und mir wird in die Augen geleuchtet. Das ist mir schon oft passiert. Ich versuche aber, nicht zu pauschalisieren. Ich möchte ja auch, dass ich nicht pauschalisiert werde.

Was hältst du von der Debatte um den Begriff „Rasse“ im Grundgesetz?

Ich finde, „Rasse“ ist auf jeden Fall ein unangenehmes Wort. Ich möchte nicht, dass jemand, der dich und mich sieht, darauf kommt, dass wir eine unterschiedliche Rasse sind.

Wie sieht es in Deutschland mit der Chancengleichheit aus?

Nicht gut. Ich versuche ja, meine Meinung auch mit Recherche zu fundieren. Ich sage nicht ins Blaue hinein „Wir haben keine Diversität.“ Geh in dein Unternehmen und schau, wer da am Tisch sitzt. Guck dir in der Tagesschau oder bei Phoenix das EU-Parlament oder den Bundestag an. Hast du das Gefühl, dass da das Volk repräsentiert wird? In Wuppertal haben 41 Prozent der Bevölkerung eine Migrationsgeschichte. Schau dir den Stadtrat an. Schau dir den Integrationsrat an. Seit Januar engagiere ich mich selbst politisch. Wir haben die Initiative „Power of Color“ gegründet, mit der wir für den Integrationsrat kandidieren wollen. Dort sind viele POCs, aber auch weiße Menschen unterschiedlichen Alters, von 19 bis 55, aktiv. Alle erzählen immer wieder dieselben Geschichten: Das, was ich vor 10 Jahren in der Schule erlebt habe, haben die vor 30 Jahren in der Schule erlebt. Das zeigt, dass – auch wenn es immer wieder mal Protestbewegungen gab – das nicht dazu geführt hat, dass sich bei uns nachhaltig etwas verändert hat. Ein Thema ist zum Beispiel die Schulempfehlung: Da erzählt die 21-jährige Türkin, dass die Mehrheit ihrer Klasse mit Migrationshintergrund eine Hauptschulempfehlung bekommen hat und ihre Mutter Revision eingelegt hat, um noch mal eine objektive Begutachtung zu bekommen. Dann durfte sie aufs Gymnasium gehen. Jetzt hat sie Abitur und studiert. Das war nur möglich, weil ihre Mutter für sie die Stimme ergriffen hat. Dieselbe Geschichte habe ich dann von einem 35-Jährigen Kongolesen gehört. Theoretisch kann man sich durchs Schulsystem kämpfen, aber in der Praxis sieht es leider meist anders aus. Ich hoffe, dass wir jetzt was anstoßen können, was zeigt, dass Rassismus nicht bei Diskriminierung, sondern viel früher anfängt, wir uns das bewusst machen und Leute zur Rede stellen, wenn wir das mitbekommen.


Foto: Jan Turek

Hip-Hop hat eine lange Geschichte des Sozialkristischseins, angefangen bei „The Message“ von Grandmaster Flash bis hin zu N.W.A.‘s „Fuck Tha Police“. Chuck D. von Public Enemy sprach von Hip-Hop als „Black America's CNN“. Auch in Deutschland gab es „Fremd im eigenen Land“ oder „Adriano“. Siehst du dich in einer Tradition?

Das ist es was ich meinte, was mich traurig macht: Ich kann Torchs Part von „Fremd im eigenen Land“ hören und nachempfinden. Ich habe ihn kennengelernt und merke, dass er bestimmt 20 Jahre älter ist als ich, und ich dieselben Geschichten erzählen kann, wie er. Das ist traurig. Es ist keine Tradition, die ich noch einer weiteren Generation weitervererben möchte.

Auch deine Musik ist sehr politisch. Kannst du dir eine Zukunft in der Politik vorstellen?

Mit der Kandidatur für den Integrationsrat mache ich ja quasi den ersten Schritt. Ich glaube, zumindest auf kommunaler Ebene kann man auf jeden Fall etwas bewirken. Wohin das führt, kann ich nicht sagen. Ich sage nicht „In 30 Jahren werde ich Oberbürgermeister.“ Aber auszuschließen ist es nicht.

In deinem Song „Deutschen Land“ rappst du über Klischees und fragst „Ist das wirklich mein Land?“. Hast du inzwischen eine Antwort gefunden?

Ja. Ich habe vor zwei Jahren hier eine Firma gegründet, die auch meinen Freunden Jobs gibt. Ich lebe hier inzwischen gut und habe es geschafft, Unternehmer und Künstler zu sein – und das mit einem gewissen Erfolg. Dieser Ort, mit den all den Lasten, die ich tragen musste, hat mir auch die Chance gegeben, der zu sein der ich heute bin. Ich bin gerne hier.

Was bedeutet dir die Stadt Wuppertal?

Sie bedeutet mir alles. Ich bin froh, dass meine Umstände mich in dieser Stadt haben landen lassen und, dass ich durch mein soziales Umfeld die Stadt von ihren besten Seiten kennengelernt habe. Das hat mir früh gezeigt, dass es sich für mich lohnt, hier zu bleiben. Obwohl ich aufgrund meines Jobs oft woanders bin, komme ich richtig gerne hierhin zurück. Diese Stadt ist genau das Richtige für mich: Hier habe ich das Gefühl, dass ich die Stadt mitbeeinflussen kann, dass man etwas prägen kann. Ich habe hier auch sehr früh Verantwortung bekommen: Schon mit 20 Jahren durfte ich für die Oper Veranstaltungen kuratieren und durfte sehr früh nette Menschen kennenlernen, die mir viel Vertrauen entgegengebracht haben. Auch für unsere Filmproduktionsfirma „Wupperwerft“ haben wir einen großen Rückhalt und die Wege sind hier sehr kurz. Wir haben zum Beispiel mit Samy Deluxe ein Video im Sparkassen-Tower gedreht. Das haben wir eine Woche vorher geklärt. In einer anderen Stadt hätten wir das so nicht hinbekommen. Ich bin richtig glücklich, dass ich hier einen so tollen Kreis an Menschen habe, die auch das Gefühl haben, dass sie in dieser Stadt etwas aufbauen und erreichen können. In Berlin hätte ich ein ganz anderes Leben. Es heißt ja, dass Wuppertal die kleinste Großstadt Deutschlands ist. Hier leben ca. 350.000 Menschen, aber trotzdem treffe ich immer diesen Kreis von 2.000 Menschen, denen ich schon begegnet bin.

Und wie ist dein Eindruck von der Wuppertaler Musikszene?

Die ist sehr wertvoll. Natürlich ist sie nicht vergleichbar mit der in Kulturstädten wie Köln oder Berlin, aber, obwohl sie klein ist, ist sie sehr divers. Wir haben zwar keine Jazz-Szene oder eine Hip-Hop-Szene, die sich über die Stadt hinweg verteilt, aber wir haben von jedem Genre Leute, die sich in dieser Stadt bewegen und aktiv sind. Ich bin letztens mal mit Samy durch Wuppertal gefahren. Wir kamen dann am Pavillon, dem Gothic-Laden, vorbei. Vorher waren wir im Loch, dem Jazzclub. Er meinte auch, es sei krass, dass die Stadt so klein ist, man aber an so vielen Spots vorbeikommt, an denen man das Gefühl hat, dass man hier kulturell zuhause sein kann. Das ist eine heftige Qualität. Eine Szene – gerade wenn sie nicht so groß ist – überlebt nur, wenn die Umstände wie Mieten günstig sind. Wuppertal ist eine Fläche, wo man sich gut entfalten kann.

Was ließe sich noch verbessern?

Wir sind schon lange an der Goldzack-Fabrik dran, wo der Bahnhof Blo drin ist, weil wir da gerne Studios rein bauen würden und gerne gemeinsam mit dem Bahnhof Blo Veranstaltungen machen würden. Wir haben schon einen großen Kundenstamm durch Songwriting und Musikvideos und haben auch vor kurzem das Wupperwerft-Autofestival gemacht, wo wir ein krasses Lineup mit Artists wie Majan hatten. Wir haben die Kontakte zu den Künstlern, damit wir sie zu guten Konditionen buchen können. Wir wollen Künstlerinnen und Künstler nach Wuppertal einladen, die sonst vielleicht nur in Köln oder Düsseldorf spielen würden. Das würde der Stadt sehr guttun. Wir wollen dafür der Anker sein, dass Leute wie Samy oder Curse dann in Club-Konzerten im Bahnhof Blo auftreten. Es ist meine Vision für Wuppertal, dass die Leute aus der Musikindustrie, wenn sie Wuppertal hören, in 10 Jahren wissen „Das ist doch diese nice Stadt, die mega hügelig ist, wo es aber viele tolle Clubs gibt.“ Das ist mein Antrieb und ich hoffe, dass mein Feuer nicht ausgeht, damit es hier irgendwann mal brennt.


Foto: Jan Turek

Wie hat sich Corona auf dich ausgewirkt?

Wie bei allen anderen: Alle Konzerte und die damit verbundenen Umsätze waren plötzlich weg. Ich hätte zum Beispiel in diesem Sommer auf dem Summerjam gespielt. Glücklicherweise habe ich den Sony-Deal in der Tasche. Und mit der Wupperwerft haben wir bis März viel produziert, sodass wir ein gutes Polster hatten. Jetzt merken wir es aber an unserem Auftragsvolumen: Wir haben nur noch ein Fünftel von dem Budget zur Verfügung, das wir sonst hatten. Wir schauen uns diese Krise aber auf jeden Fall aus einer privilegierten Perspektive an. Wir sind weit weg davon, die Schuhe an den Nagel zu hängen. Aber wir sind auch weit vom März entfernt. Damals war die Welt noch perfekt. Ich habe das Glück, dass es noch mit der Video-Produktionsfirma läuft. Aber viele Musiker, mit denen ich zusammenarbeite, trifft es noch viel krasser, weil die keinen Deal haben, der sie jetzt durchfüttert. Ich kann nachvollziehen, dass die sich jetzt alleingelassen fühlen. Mit 2.000 Euro für drei Monate, kommt keiner hin, der eine Wohnung, Versicherungen und vielleicht ein Auto hat. Ich fand es zwar schön zu sehen, dass es unbürokratische Lösungen gab, aber auch da habe ich das Gefühl, dass in der Lösungsfindung nicht die Menschen involviert wurden, deren Perspektive wichtig wäre. Wenn es um die Kreativwirtschaft ging, sind eben keine Musiker zu Wort gekommen. Das ist das Sinnbild für strukturelle Benachteiligung. Jetzt merken die Künstlerinnen und Künstler, wie sie strukturell benachteiligt werden, weil sie nicht mit am Tisch sitzen. Da gibt es auf jeden Fall eine Parallele zum Rassismus-Thema.

Du hast vor einiger Zeit auch mit einem Crowdfunding-Projekt Geld gesammelt. Was hatte es damit aus sich?

Letztes Jahr im Mai habe ich eine Reise begonnen, die hieß „12 Jahreszeiten“. Mein Ziel war es, ein Jahr lang monatlich einen Song rauszuhauen, um dann genau ein Lebensjahr musikalisch abzubilden. Den letzten Song habe ich im März begonnen und hätte im April veröffentlicht werden sollen. Dann kam Corona dazwischen. Ich war noch für eine Session in Berlin. Aber leider passt der Song namens „Werten“ wie die Faust aufs Auge zu der jetzigen Debatte. Deswegen veröffentlichen wir den auch bald. Eigentlich könnten wir ihn auch jetzt raushauen und er würde perfekt in die George-Floyd-Debatte reinpassen. Ich finde es aber wichtiger, dass man in einem Monat oder zwei noch immer über das Thema spricht.

Wird es bald auch ein neues Album von dir geben?

Ich mache jetzt erstmal den Song fürs „12 Jahreszeiten“-Projekt fertig. Das Projekt haben wir bewusst nicht groß skaliert und nicht viel Geld in Promo gesteckt. Seit Corona machen wir Demos und ich versuche, meinen Sound nochmal komplett neu zu definieren und dann auch an ein größeres Label anzudocken. Unser nächstes Projekt soll laut werden. Mit meinem Team setze ich mich strukturiert zusammen und versuche, meinen Namen mit guter Musik zu verbinden. Ende dieses Jahres oder im nächsten Jahr werden wir dann mit einer ganz anderen Aufmache nach draußen gehen.

Weißt du schon, wann man dich wieder live sehen können wird?

Da weiß man nichts. Ich habe viele bekannte KünstlerInnen, deren Touren von den Booking-Agenturen erst vom Sommer auf den Herbst und jetzt schon auf nächstes Jahr verschoben wurden, weil sie nicht optimistisch sind, dass wir in diesem Jahr noch mal Großveranstaltungen haben dürfen. Demzufolge werde ich vielleicht noch ein- oder zweimal bei auf kleinen Bühnen stehen können.

Du hast kürzlich im Autokino gespielt, beim „Wupperwerft“-Festival, das du auch mitorganisiert hast. Wie war das Erlebnis für dich?

Es war schön. Es war zwar eine etwas seltsame Stimmung – eine, auf die man sich einlassen muss, aber es hat Spaß gemacht. Die Künstler, die da aufgetreten sind, mussten teilweise ihre Touren unterbrechen oder verschieben. Die zu sehen und zu merken, dass sie zum ersten Mal seit drei Monaten wieder auf der Bühne stehen und dieses Kribbeln spüren, aber gleichzeitig auch das Gefühl zu haben, dass es vielleicht das letzte Mal in diesem Jahr war, dass sie auf einer Bühne waren: Da blutet schon das Künstlerherz.

Interview: Jan Turek

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