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Christiane Löhr, Kletterröhre, 2001, Sammlung Fabrizio Guidi, Florenz,© VG Bild-Kunst, Bonn
Foto: Michael Richter

Kleine Architekturen

29. März 2018

Christiane Löhr im Skulpturenpark Waldfrieden – kunst & gut 04/18

Diesmal ist alles ganz anders. Während im Skulpturenpark Waldfrieden selbst die Plastiken mit Robustheit gegenüber der Witterung auftreten und mitunter riesengroß sind, um sich gegen die Sensationen der Natur zu behaupten, vermittelt die derzeitige Schau mit Christiane Löhr in der unteren Ausstellungshalle größte Zurückhaltung. Hier herrscht sozusagen Windstille, die Objekte aus pflanzlichen Partikeln sind klein und im Detail winzig und wirken zerbrechlich. Anstelle resoluter Farbigkeit herrscht luftige Transparenz. Die Oberflächen flirren als geschichtete Büschel. Nichts Spektakuläres, kein donnernder Auftritt (wie ihn hier vor dreieinhalb Jahren Gereon Lepper hinlegte) und doch war der Ausstellungstitel „Attrazione“ noch nie so berechtigt wie für die Objekte von Christiane Löhr. Ihre Werke führen eine Intensität vor Augen, vorgetragen als Rhythmus hin zum Muster, verbunden mit einer inneren Stabilität. Die plastischen Körper, die wie Kokons, Tapisserien oder kleine Biotope anmuten, überführen die chaotische Textur in die größte Ordnung. Beiläufigkeit, Selbstverständlichkeit, Leichtigkeit sind für sie kennzeichnend. „Symmetrie des Sachten“ hat Marion Pochmann in einem lyrischen Text zur Ausstellung in Wuppertal geschrieben.

Die in Köln und im italienischen Prato lebende Christiane Löhr verwendet Pflanzenstängel, Pollen oder auch Pferdehaare, die sie zu stereometrischen, mitunter zentriert angelegten Strukturen verwebt, zu Feldern verdichtet oder wie winzige architektonische Behausungen aus Stelzen – zu Zelten ohne Wand – anordnet oder in Waben überführt. Dazu kommen noch Reihen mit Stäben, über denen sich flimmerndes Gewölk wie Nebel (oder Morgentau) zusammenschließt. An der Wand, auf der Konsole und auf der Sockelfläche verhalten sich die Objekte zwischen Konkretheit und vorbeihuschendem Himmelsphänomen. Löhr verdeutlicht zugleich die Struktur ihrer Naturstoffe in ihrer Verwandtschaft zur Geometrie: als Verfahren der Natur selbst. Damit hat sie ein weites, assoziationsreiches Repertoire an Formen und Strukturen entwickelt. Und selbstverständlich verfügen ihre Werke über Farben, die die natürlichen Stoffe selbst besitzen. Für die Wahrnehmung der Lappen, Röhren, Pyramiden, Netze und Geflechte spielen die Konturen eine wesentliche Rolle. Überhaupt ist die Linie Löhrs maßgebliches Ausdrucksmedium zwischen Expressivität und Introvertiertheit, Widerstand und Sanftheit. Zudem erstellt sie sparsame abstrakte Linienzeichnungen in unterschiedlichen Formaten.

Christiane Löhr wurde 1965 in Wiesbaden geboren. Nach Studien der Ägyptologie, Archäologie und Germanistik hat sie 1994-98 an der Düsseldorfer Kunstakademie bei Jannis Kounellis studiert, der ebenfalls – jedoch aus einer anderen Generation und anderen Fragestellungen heraus und auch auf andere Weise – mit natürlichen, „billigen“, vorgefundenen Materialien gearbeitet hat. Löhr arbeitet intuitiv, in der Einlassung auf das, was sie am Wegesrand findet. Wie zuvor die eingehende Betrachtung der Blüten und Gräser, so erweist sich das konstruierende Anordnen und vorsichtige Zusammensetzen der Skulpturen als Vorgang demütiger Aufmerksamkeit. Zugleich verweist sie auf die Befähigungen der Natur und deren Vorbildfunktion für unser Leben und unsere Behausungen. Und indem sie die Erkenntnisse vom „Funktionieren“, der Strukturiertheit und Stabilität der Natur in den Bereich der Kunst und in den Ausstellungsraum überführt, wirft sie die Frage auf, wie Skulptur „funktioniert“. Und dann fügt sich diese Ausstellung ganz selbstverständlich in das bisherige Ausstellungsprogramm und das im Jahreslauf wechselnde Ambiente der Natur im Skulpturenpark. Wie gut, dass sie bis zum Sommer zu sehen ist.

Christiane Löhr – Attrazione | bis 1.7. | Skulpturenpark Waldfrieden | 0202 47 89 81 20

Thomas Hirsch

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